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Künstlerische Dichte an der Schlei

|   Presse

Keramik, Kalligrafie, digitale Malerei: Das Angebot der Akademie in Sundsacker lockt viele Teilnehmer – aber nur wenige Besucher

Kappeln/Winnemark

Mittagessen? Ach ja, ist ja schon so weit. Ute Hansen und Carola Krause sitzen unter dem Zeltdach, auf den Knien ein altes Handtuch, in den Händen ein kleines glänzendes Gerät mit lauter Zacken und ihr gerade geformtes Gefäß. Die beiden Frauen haben die Zeit vergessen, alle anderen sitzen schon längst im zweiten Stock der Albert-Schweitzer-Schule bei Kasseler und Kartoffeln, Ute Hansen und Carola Krause allerdings verschieben das Notwendige, um das Gewählte zu tun. Sie sind Teil der Schlei-Akademie, „Farbige Keramik mit selbstgefärbtem Ton“ heißt ihr Kurs, und wer sie eine Weile beobachtet, erkennt, dass hier zwei ihre Leidenschaft gefunden haben.

Die zweite Schlei-Akademie steht vor ihrer vierten und damit letzten Woche. Am vergangenen Wochenende war das Gelände rund um die Schule in Sundsacker mit gleich sechs Kursen – mehr als an den Wochenenden der ersten Akademie – gut gefüllt. Ute Hansen und Carola Krause haben die zurückliegenden Stunden damit verbracht, einem Stück Ton zunächst mehrere Farbanteile unterzumischen, eine Kugel daraus zu kneten und aus der Kugel schließlich das Gefäß zu formen, was sie sich vorstellten. Mit einem kleinen Kratzer sind sie nun dabei, die Farbpigmente wieder hervorzuholen. „Ich fühle mich wie eine Archäologin“, sagt Hansen und lacht. „Es ist alles so versteckt, und plötzlich taucht noch mehr Farbe wieder auf.“ Wie marmoriert sieht ihre Keramik inzwischen aus. Aus Kiel hat Ute Hansen den Weg an die Schlei gefunden, im Schlepptau ihrer Töpfer-Freundin Carola Krause, die bereits im vergangenen Jahr einen Akademie-Kurs belegt hatte. Und Krause lobt ihre Dozentin Imke Splittgerber. „Es ist ein unglaubliches Glück, dass sie so viele Tipps und Tricks mit uns teilt. So etwas Großzügiges erlebt man selten“, sagt Krause.

Im Keller der Schule hat sich der Kurs „Chinesische Kalligrafie und Tuschemalerei“ eingerichtet. Dozentin Brigitte Wollert spricht über Schriftzeichen, über den Weg des Wassers, den inneren Fluss und das Loslassen – „weniger denken, stattdessen machen“, gibt sie ihren Teilnehmern als Credo an die Hand. Bettina Müller aus Pelzerhaken nimmt das dankbar auf. Sie arbeitet als Kunsttherapeutin in einer Klinik und weiß bereits jetzt, dass Kalligrafie dort künftig eine Rolle spielen wird. „Zu uns kommen Menschen mit Burnout, die ihre Ressourcen wiederfinden müssen“, sagt Müller. Nach drei Tagen Schlei-Akademie ist sie überzeugt: „Kalligrafie könnte ich gut zusätzlich anbieten, als Weg, um wieder zur Ruhe zu kommen.“ Tatsächlich herrscht im Keller eine besondere Stimmung. Wenig geräuschvoll und schallend, stattdessen eher gedämpft, aber wenigstens genauso gelöst wie bei den Keramikern unterm Zeltdach.

Dort hat sich gerade Maren Kötting hinzugesellt. Sie hatte am Wochenende zuvor den Kurs „Licht und Schatten in der Malerei“ belegt, jetzt ist sie als Besucherin zurück, hat schon bei der Monotypie vorbeigeguckt und bei der Porträtmalerei. „Schade, dass nicht mehr Leute hier sind, um sich einfach mal etwas anzusehen“, sagt sie.

Die würden dann vielleicht entdecken, dass „Digitale Malerei“ etwas für sie ist. Ein Selbstporträt – diese Aufgabe hat Horst Rosenberger seinen Teilnehmern gegeben. Und statt Pinsel und Tusche nutzt Elena Mank das Mousepad auf ihrem Laptop. „Ich wollte das vergangenes Jahr schon machen, da fiel der Kurs leider aus“, sagt sie. „Jetzt bin ich echt begeistert, weil es digital viel mehr Möglichkeiten gibt.“ Zum Beweis legt Dozent Rosenberger seine eigenen Werke vor: Pastell, Airbrush, Öl, Kreide – es ist alles dabei. Und es ist für jeden erlernbar. Michael Sagel leidet an einer Ataxie, einer Störung der Bewegungskoordination. Mit ruhiger Hand den Pinsel oder Stift zu führen, gelingt ihm nicht – die Computer-Mouse kann er problemlos bedienen. Horst Rosenberger hat mit ihm eine andere Maltechnik erarbeitet, Sagels Selbstporträt wird anders aussehen als das von Elena Manke – und ihm neue Wege eröffnen. „Ich fotografiere gerne digital“, sagt der Kölner. „Malen ist ein neuer Aspekt. Vielleicht kann ich beides verbinden.“ Sein Dozent lächelt. „Klassenziel erreicht“, sagt Rosenberger, dem es gelungen ist, die körperliche Einschränkung seines Schülers auszugleichen, ohne ihm die Freude an der Malerei zu nehmen.

Ute Hansen und Carola Krause schaffen es schließlich doch ans Mittagsbüfett. Allerdings nicht länger als unbedingt nötig. Draußen warten die Schlei, der Ton und die Akademieluft.

Von Rebecca Nordmann

Quelle: www.shz.de/24898812 ©2019

 

 

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Von der Kugel zum Gefäß: Ute Hansen ist vertieft in die sogenannte Pinch-Technik – und vergisst darüber fast das Mittagessen. Foto: Nordmann
Von der Kugel zum Gefäß: Ute Hansen ist vertieft in die sogenannte Pinch-Technik – und vergisst darüber fast das Mittagessen. Foto: Nordmann
Pinsel, Wasser, Tusche: Brigitte Wollert (rechts im Bild) erklärt, wie der Bambus aufs Papier kommt. Foto: Nordmann
Pinsel, Wasser, Tusche: Brigitte Wollert (rechts im Bild) erklärt, wie der Bambus aufs Papier kommt. Foto: Nordmann
Zeichnen gelingt auch am Computer: Horst Rosenberger (links im Bild) zeigt, wie das funktioniert. Foto: Nordmann
Zeichnen gelingt auch am Computer: Horst Rosenberger (links im Bild) zeigt, wie das funktioniert. Foto: Nordmann

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