KUNST.KOMPASS
Der Reise-Blog der Schlei-Akademie
Die Schlei-Akademie ist nicht nur an der Schlei unterwegs. Wir gehen auch auf Reisen, besuchen Ausstellungen, Museen und besondere Orte und begegnen Menschen, die sich für Kunst und Kultur begeistern.
Unser KUNST.KOMPASS ist mehr als ein Instrument zur Orientierung. Er steht für innere und äußere Bewegung, für Neugier und die Bereitschaft, sich von anderen Sichtweisen inspirieren zu lassen. Seine Nadel darf zittern, ihre Richtung verändern und Gewissheiten infrage stellen.
Bei aller Offenheit gibt es einen festen Bezugs-Rahmen: die klare Orientierung an den Menschen-Rechten und das Verständnis von Vielfalt als Reichtum unterschiedlicher Perspektiven. Denn Kunst und Kultur leben vom Austausch, vom respektvollen Miteinander und von der Freiheit, die Welt auf unterschiedliche Weise wahrzunehmen.
"Was erzählen uns Museen und Ausstellungen über die Welt, in der wir leben?
Wer wird sichtbar, wessen Geschichten werden erzählt – und was verändert sich, wenn wir Kunst aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten?
In diesem Blog teile ich Eindrücke von meinen Kunst-Reisen, Begegnungen mit Kunst-Werken und Entdeckungen in Museen. Es geht um Kunst und Feminismus, um Vielfalt und gesellschaftliche Teilhabe, um Barriere-Freiheit und neue Zugänge zur Kunst.
Und es geht um die Frage, wie Ausstellungen unsere Seh-Gewohnheiten prägen – oder sie verändern können."
Ein Parthenon aus Büchern
2017 unterwegs für die Schlei-Akademie
Als mich im Juli 2017 nach drei-jähriger Vorbereitung und Antrag-Stellung bei der Aktion Mensch und der Aktiv-Region Schlei-Ostsee der Förder-Bescheid für die Schlei-Akademie erreichte, begann eine intensive Arbeits-Phase. Schon im Sommer 2018 sollte die erste Sommer-Akademie stattfinden. Leit-Bild, Internet-Auftritt, Kurs-Plan und Curriculum mussten nun konkret Gestalt annehmen.
Ich reiste nach Berlin, Hamburg, München und Leipzig, besuchte Institutionen, Workshops und Ausstellungen, suchte nach fachlichen Impulsen und möglichen Kooperationen. Dabei beschäftigte mich auch die Frage, wie weit die Auseinandersetzung mit Inklusion und Kunst bereits gediehen war. Im September führte mich meine Recherche zur documenta 14 nach Kassel.
Auf dem Friedrichsplatz, direkt vor dem Museum Fridericianum, begegnete ich einer Arbeit, die mir besonders in Erinnerung geblieben ist:
The Parthenon of Books der argentinischen Künstlerin Marta Minujín.
Die begehbare Nachbildung des antiken Parthenon bestand aus Büchern, die in verschiedenen Ländern verboten oder zensiert worden waren. Sie erinnerte an die Bücher-Verbrennungen von 1933 und verwies zugleich auf die bis heute andauernde Unterdrückung von Gedanken und Meinungen.
Die documenta 14 fand 2017 erstmals an zwei Standorten statt: in Kassel und Athen. Mit dem Motto „Von Athen lernen“ stellte sie auch die Frage, wessen Perspektiven die Kunst-Geschichte prägen und welche Stimmen darin bislang zu wenig Gehör finden.
Mich beschäftigt an Minujíns Arbeit besonders die Verbindung von Kunst, öffentlichem Raum und demokratischer Freiheit. Bücher stehen für die Möglichkeit, Gedanken zu entwickeln, Wissen weiterzugeben und Widerspruch zu formulieren. Werden sie verboten, geht es nicht allein um Texte, sondern auch darum, welche Stimmen gehört werden und welche Perspektiven aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden sollen.
Solche Fragen begleiteten auch meine Arbeit an der Schlei-Akademie. Ich suchte nach künstlerischen und intellektuellen Positionen, die sich mit Menschen-Rechten, Freiheit und gesellschaftlichen Verhältnissen auseinandersetzen. Das ist auf so vielfältige Weise machbar literarisch, poetisch und in der bildenden Kunst. Positionen, die sich nicht auf die Kategorie Gesellschafts-Kritik reduzieren lassen, sondern neue Sichtweisen eröffnen und dazu einladen, Gewohntes zu hinterfragen.
Die Recherche im Jahr 2017 war deshalb mehr als die Suche nach einem tragfähigen Konzept für eine neue Akademie. Sie war auch eine Suche nach Haltungen, aus denen sich ein Verständnis von Kunst und künstlerischer Bildung entwickeln ließ: offen für unterschiedliche Perspektiven, aufmerksam gegenüber Ausgrenzung und getragen von der Überzeugung, dass Kunst Räume für eigene Gedanken und Ausdrucks-Formen schaffen kann.
Der emotionalste Moment meiner Begegnung mit der documenta 14 kam allerdings erst am 10. September 2017. Beim Abbau des Parthenon of Books wurden die zeitweise verbotenen Bücher an Besucher*innen verteilt. Obwohl die Ankündigung darauf hinwies, dass die Ausgabe bei Unwetter ausgesetzt werden könne, kamen die Leute trotz Regen und Wind. Und das hat sich gelohnt: In Anwesenheit von Marta Minujín wurden die Bücher ausgegeben. Noch heute berührt mich die Erinnerung daran, welches Buch ich damals erhielt: Mephisto von Klaus Mann, erschienen 1936. Ein Roman über Anpassung, Opportunismus und den Preis, den ein Künstler für seine Karriere in einem diktatorischen System zu zahlen bereit ist. Dass ausgerechnet dieses Buch aus einem Kunstwerk hervorging, das an verbotene und zensierte Literatur erinnerte, wurde für mich ein besonders wertvoller Moment. Es war ja ein Zufall, und doch schien sich darin vieles zu bündeln, was mich an diesem Tag und bei meiner Suche nach den Grundlagen der Schlei-Akademie beschäftigte: die Freiheit des Denkens, die Verantwortung der Kunst und die Frage, welche Haltung wir gegenüber den Verhältnissen einnehmen, in denen wir leben.




